Allgemein Kolumnen

Die Freiheit loszulassen

15. September 2017

‚Sei bereit, dich von dem Leben zu lösen, das du geplant hast, damit du das Leben findest, das auf dich wartet.‘ In der Theorie klingt das schon ganz gut, aber in der Praxis sieht es eben doch oft anders aus. Wenn man sich etwas in den Kopf gesetzt hat, will man es auch, vor allem wenn man schon seit mehreren Jahren seine Ziele ehrgeizig verfolgt. Dann möchte man doch nicht einfach loslassen und das Schicksal entscheiden lassen. Was wäre denn, wenn das Schicksal ganz andere Pläne mit einem hat, die einem vielleicht gar nicht so gut gefallen? Wer sollte denn auch besser als man selbst wissen, was gut für einen ist?

Von klein auf hat man darauf gewartet erwachsen zu werden, um endlich sein eigener Chef zu sein und so viel Cola trinken zu können, wie man will, ohne dass die Eltern, die ollen Spielverderber, einem einen Vortrag von wegen ungesund, Karies und zu jung halten. Endlich hat man die absolute Bestimmungsgewalt über sein Leben. Da will man sich doch nicht vom Schicksal oder sonst wem reinpfuschen lassen, ganz egal ob die Lebensträume, die man meist aus Kindheit oder Jugend mitbringt, überhaupt noch Gültigkeit besitzen. Man ist den Mitschülern die ganze Schulzeit damit in den Ohren gelegen, wie man nach dem Schulabschluss die große Karriere als Anwalt, Sportler oder Model plant und kann doch nicht plötzlich einen Rückzieher machen. Schließlich hat im Abibuch die ganze Jahrgangsstufe darüber abgestimmt, dass man eine der drei Personen ist, die irgendwann mal am erfolgreichsten sein werden. Die Lust auf Ruhm und Reichtum ist jetzt eben nun mal Pflicht. Sonst hält einen jemand, den man  beim zehnjährigen Klassentreffen wiedersieht, wohlmöglich noch für einen Versager. Also bleibt man lieber hartnäckig an den einmal gesetzten Zielen kleben, wie ein Haar an der nassen Hand. Hauptsache man gibt sich vor niemanden irgendeine Blöße. Image ist Alles.

Wie oft war ich in Situationen, in denen ich gemerkt habe, dass der Weg auf dem ich mich befinde nicht mehr der richtige für mich ist. Wie oft habe ich mich kaum getraut, mir das einzugestehen aus lauter Sorge, was meine Eltern, meine Freunde oder irgendwelche Zweifler von mir denken könnten. Wie oft habe ich mich nachts im Bett hin- und hergewälzt, weil mich das Leben, das ich geführt habe, unglücklich gemacht hat, ich aber noch nicht mutig genug war, mich für eine andere Richtung zu entscheiden. Es ist ja auch nicht so, als stelle man fest, dass man auf dem falschen Pfad ist und wisse sofort, wo es stattdessen hingehen soll. Viel eher ist es doch so, dass man sich selbst eingestehen muss, dass man auf dem Holzweg und zumindest für den Moment absolut orientierungslos ist. Keine besonders schöne Aussicht und irgendwie auch verständlich, dass man dann lieber noch ein bisschen auf dem falschen Weg bleibt, bevor man ohne Plan bekanntes Territorium verlässt. Auch wenn man sich dort möglicherweise nicht mehr wohl fühlt, die Vertrautheit gibt einem wenigstens ein bisschen das Gefühl von Sicherheit. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn man die Fassade, die man seit Jahren aufrecht erhält, fallen ließe und man plötzlich eingestehen müsste, dass man sich die ganze Zeit getäuscht hat.

Wie soll man auch irgendwem begreiflich machen, dass die früheren Ideale, die man gestern noch bis aufs Blut verteidigt hat, wohl doch nicht so ideal sind? Wie erklärt man den Freunden, dass man zwar ein psychisches Wrack ist, die Entscheidung, dem einstigen Traum den Rücken zu kehren, aber absolut die richtige war? Und was macht man, wenn man die Erfolge ehemaliger Konkurrenten beobachtet und der kleine Teufel auf der Schulter einem ins Ohr flüstert, dass man denselben Erfolg, dieselbe Aufmerksamkeit hätte haben können, wenn man nur nicht aufgegeben hätte?

Vergraben soll da ganz gut helfen, habe ich mir sagen lassen. Denn manchmal ist Rückzug die einzige Alternative. Manchmal muss man einfach die ganzen Stimmen im Außen zum Schweigen bringen, damit man überhaupt wieder die Stimme im Inneren hören kann. Viel zu oft ist man auf alles und jeden konzentriert, nur nicht auf sich selbst.  Auf Facebook, Instagram und Co. sieht das Leben aber auch oft so verlockend perfekt aus. Hier hat jeder die Antwort auf die Probleme des Alltags: Reisen, Luxus und Mode scheint alles zu sein, was man braucht, um glücklich zu sein. Das schnelle Glück im Außen ist so viel leichter erreichbar. Die ebenso schnelle Vergänglichkeit blendet man dabei gerne aus. Zu vielversprechend sind die Lebensentwürfen in den Medien, als dass man sie wirklich hinterfragen möchte, um sich stattdessen mit den eigenen Werten auseinanderzusetzen.

Aber genau hier braucht es die Abgrenzung von äußeren Einflüssen, das gediegene Vergraben weit weg von den Verlockungen der Gesellschaft. Nur im inneren Abstand zur Welt und im Kontakt zur eigenen Person liegt die Freiheit sich von sämtlichen Vorstellungen und Zielen, die man sich über Jahre hinweg  ins Hirn graviert hat, zu lösen und einen neuen unvoreingenommenen Blick auf das Leben zu bekommen. Hier liegt die wunderbare Möglichkeit sich frei von Erwartungen und Leistungsdruck wiederzufinden und dem eigenen Selbstwert eine neue Chance zu geben. Mit der Zeit sieht man klarer und ist bereit sich den Ansichten anderer zu stellen, weil man in der Balance von Zugehörigkeit und Abgrenzung wieder weiß, wer man ist. Irgendwann ist man dann auch an dem Punkt, an dem man ganz frei dem Leben begegnen kann, das auf einen wartet.

KeRa <3

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