Allgemein Textschnipsel

Halloween-Kurzgeschichte 4/4

31. Oktober 2020

 

… Er schnaubte verächtlich. Nein, er war der Herr des Schlosses, er würde das in Ordnung bringen.

Mit weichen Knien erreichte er die letzten Stufen. Der lange Flur öffnete sich bedrohlich vor ihm.

Wie oft hatte er hier früher gestanden und gelauscht. Den obersten Stock zu betreten, war ihm verboten worden. Wenn er es doch wieder versucht hatte, war wie von Geisterhand sein Vater erschienen und hatte ihn laut fluchend davongejagt.

Aber dieses Mal war sein Vater nicht hier, um ihn zu bestrafen, dachte Herr von Isenborth triumphierend.

Klack … klack … klack …

Sein Grinsen gefror ihm im Gesicht. Das Klacken, die Schritte, sie kamen aus dem Arbeitszimmer seines Vaters. Er konnte eindeutig einen schmalen Streifen Lichts erkennen. Wer auch immer sich dort zu schaffen machte, jetzt würde er ihn auf frischer Tat ertappen.

Herr von Isenborth strich sich unruhig die Haare zurück. Er holt tief Luft, dann stieß er die Tür auf. Sein Magen machte einen Satz.

Es war niemand hier … Der Raum, er war leer … Das konnte doch nicht sein! Er hatte es ganz sicher gehört.

Unter dem grünen Schirm einer Messinglampe flackerte Licht auf. Vorsichtig trat er näher an den schweren Nussbaumtisch heran.

Er war über und über von Tintenklecksen übersäht. Ein umgeworfenes Fässchen breitete seinen schwarzen Inhalt auf einem offenliegenden Buch aus. Die Schreibfeder des Füllers war feucht. Ganz als hätte ihn eben noch jemand benutzt. Herr von Isenborth schluckte.

 

‚… dieses Klacken, es treibt mich in den Wahnsinn! Ich bin nicht allein! NICHT ALLEIN!‛

 

Er blätterte durch das Tagebuch seines Vaters. Die Seiten waren gefüllt mit den Worten. Immer und immer wieder dieselben. Zum Schluss nur noch ein kaum lesbares Gekrakel.

Klack … klack … klack …

Herr von Isenborth wirbelte herum. Sein Blick glitt zu Boden. Er erstarrte. Da war er, der feuchte rote Fleck, den er an der Decke seines Kinderzimmers gesehen hatte. Zwei Stockwerke weiter unten … Was zum Teufel!?

Klack … klack … klack …

Das Geräusch hallte von den Wänden wider, hallte in seinem Kopf wider. Ein eisigkalter Wind stieß die Tür auf und ließ sie krachend gegen die Wand schlagen.

Schreiend stürmte Herr von Isenborth aus dem Zimmer seines Vaters. Das letzte, was er sah, bevor er den Raum verließ, war das Foto einer jungen Frau neben der Tür. DIE Frau!

Er stolperte die Treppen hinunter, vorbei an der Standuhr. Ihr dröhnender Klang erfüllte das Schloss. Er hetzte zur Eingangstür hinaus. Hektisch kramte er nach seinem Autoschlüssel. Er zündete den Motor und raste mit quietschenden Reifen die Auffahrt entlang.

 

***

 

„Sie wollen mich wohl an der Nase herumführen …“, knurrte der Polizist, während er sich missmutig am Stoppelbart kratzte.

Herr von Isenborth sah verständnislos zu dem Mann im Morgenmantel auf.

„Sagen Sie bloß, man hat es Ihnen nicht gesagt?  Ihr Vater … Er hat sich das Leben genommen. Wir vermuten … Nun, ja …

Vor etwa einem Monat hat Ihr Vater in seinem Arbeitszimmer den Schlossverwalter mit einer Messinglampe erschlagen …“

 

– THE END –

 

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