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Schön, schöner, Photoshop: Der Einfluss der Medien auf die Entwicklung von Essstörungen

1. März 2018

Seit 13 Jahren sucht Heidi Klum schon das nächste Topmodel Deutschlands. 13 Jahre voller extrem schöner, super schlanker junger Frauen und ganz viel Kritik: Germany’s Next Topmodel fördere den Magerwahn, propagiere ungesunde Schönheitsideale und sei schuld an der Zunahme von Essstörungen. Was ist dran an den Vorwürfen?

Sicher entwickelt nicht jedes Mädchen, das GNTM schaut, automatisch eine Essstörung. Heidi Klum und die Modeindustrie allein für die Zunahme an magersüchtigen Patientinnen verantwortlich zu machen, würde die Essstörungsthematik zu stark vereinfachen. Die Ursachen und Auslöser von Essstörungen sind ebenso vielschichtig wie die Krankheitsbilder selbst. Es braucht mehr als das Bild eines Models, um ein krankhaftes Essverhalten zu entwickeln.

Betrachtet man allerdings eine 2015 durchgeführte Studie wird deutlich, dass rund 61% der befragten essgestörten Patientinnen Germany’s Next Topmodel neben den Abbildungen von Models auf Werbereklamen oder in Zeitschriften als einen der größten medialen Einflussfaktoren im Verlauf ihrer Essstörung erkennen. Reiner Zufall? Wohl eher nicht.

 

Schönheit fern jeglicher Realität

Wenn ich an meine eigene Geschichte denke, gefangen zwischen Modelmaßen und Fressanfällen, wundert mich das kein bisschen. Egal ob Mode-, Schönheits- oder Fitness-Industrie, alle bauen sie ihren großen Erfolg auf dem geringen Selbstwertgefühl von Frauen und Männern, Mädchen und Jungen auf. Schau dir doch mal Werbe- oder Modefotos an. Darauf sind Ideale abgebildet, die kannst du als normaler Mensch niemals erreichen. Egal wie oft du ins Fitness-Studio gehst, wie oft du Obst statt Schokolade isst, wie oft du dich sogar unters Messer legst, du wirst nie in deinem ganzen Leben so aussehen wie die Models auf den Bildern. Photoshop sei Dank, werden künstliche Menschen erschaffen, die so übernatürlich makellos und perfekt sind, dass sie fern jeglicher Realität existieren.

Am Ende bist du der Depp, weil du vor der Reklame stehst, dich mit dem wunderschönen Model vergleichst und dich schlecht fühlst, weil du nicht so aussiehst wie sie. ‚Du musst unbedingt etwas an dir ändern. So kannst du doch nicht rumlaufen. Was sollen denn die Leute von dir denken?‘ Praktischerweise liefern dir die Werbemenschen aber gleich schon die Lösung für dein Problem: Du musst nur unsere Antifaltencreme benutzen, unser ‚Fett weg-Shake‘ trinken oder unser Kleid tragen, dann wirst du ein bisschen mehr wie unser Model sein – schön, schlank und glücklich. Nur nicht schön genug, schlank genug oder glücklich genug. Nicht, dass du nachher noch auf die Idee kommen könntest, aufhören zu wollen dich zu optimieren. Du musst immer, immer weitermachen, immer, immer mehr kaufen und immer, immer schöner werden.

 

Baustelle Körper

Je mehr du dich mit deinem Aussehen und deinem Körper auseinandersetzt, desto verzehrter wird die Wahrnehmung deines Körpers, wächst deine Unzufriedenheit mit dir selbst. Was früher einfach deine Beine waren, die dich durch die Gegend getragen haben, sind auf einmal deine Beine, die nicht so lang sind wie Modelbeine, viel zu vernarbt, nicht ebenmäßig genug aussehen und überhaupt viel zu dick sind. Oder wo ist die Lücke zwischen deinen Oberschenkeln? Die Wahrnehmung deines Körpers wird immer mehr auf Äußerlichkeiten gerichtet. Während dein Körper früher noch dein Körper war, ist er mittlerweile eine einzige Baustelle, die es zu optimieren gilt. Weil du ja weißt, wenn dein Körper erstmal so ist, wie er sein soll, dann lösen sich deine Sorgen in Luft auf, dann bist du endlich genau so glücklich wie die Models auf den Werbetafeln.

Und mal ganz ehrlich: Seinen Körper zu optimieren ist viel leichter als sich mit seinen wahren Problemen auseinanderzusetzen. Je größer die eigenen Probleme werden, desto schwieriger sind sie zu lösen. Wie willst du auch den Tod eines geliebten Menschen rückgängig machen? Wie willst du deine Eltern dazu bringen, sich wieder zu lieben? Wie willst du an einen Job kommen, wenn du immer nur Absagen bekommst? Wenigstens deinen Körper kannst du verändern. Ihn kannst du kontrollieren und zurechtbiegen, so wie du es willst.

 

‚Es liegt in deiner Hand!‘

Die überretuschierten Werbemodels sind also vielleicht nicht die Ursachen, warum jemand eine Essstörung entwickelt. Oft sind sie aber die Auslöser, der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Weil sie dir zu verstehen geben, dass sie die Antwort auf all deine Schwierigkeiten sind, die du alleine nicht bewältigen kannst. Sie bieten dir Schönheit, Schlankheit und Aufmerksamkeit als Lösung deiner Probleme an. Sie versprechen dir, wenn du nur genau das machst, was sie dir vorschlagen, dann bist du endlich frei, beliebt und glücklich. Sie versprechen dir etwas, was sie nicht halten können.

Und dank Heidi Klum und Germany’s Next Topmodel sind Models nicht mehr länger bloße Randerscheinungen, die man mal ab und an auf Fotos sieht, sondern haben das Zentrum unserer Gesellschaft erreicht. Für viele junge Frauen sind Models mittlerweile die ganz großen Vorbilder. Einmal so aussehen wie ein Model ist der ganz große Traum. Heidi macht diesen Traum möglich. Sie liefert das Erfolgsrezept: ‚Du musst nur streng genug Diät halten, nur häufig genug trainieren, dann kannst du auch den Körper eines Models haben. Es liegt in deiner Hand! Du ganz alleine bist dafür verantwortlich, ob du aussiehst wie ein Model oder nicht.‘

 

PHOTO // ROBERT COOK

Gesundheit statt Schönheit

Ich verrate dir ein Geheimnis: Heidi Klum lügt. Fast kein Mensch kann so aussehen wie ein Model. Eine Studie von Nicole Hawkins aus dem Jahr 2004 hat festgestellt, dass nur jede 40.000. Frau auf diesem Planeten den Körper eines Models hat. Das heißt 99,998% aller Frauen werden nie in ihrem ganzen Leben so aussehen können wie ein Model. Und trotzdem versuchen die Medien uns das weißzumachen. Wenn wir den Medien also Gehör schenken, können wir nur verlieren; vielleicht sogar unsere Gesundheit, weil wir nicht mehr aufhören können, Diät zu halten, obwohl wir nicht mehr nur schlank sondern bereits mager sind.

Ist es das wirklich wert? – Aus meiner Sicht definitiv nicht. Nichts auf dieser Erde ist es wert, dafür seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen, vor allem nicht irgendwelche gesellschaftlichen Schönheits- oder Schlankheitsideale. Du bist einzigartig, du bist mehr wert als dein Aussehen und du bist es wert, ein glückliches, erfülltes und gesundes Leben zu führen. Aber dieses Leben findest du weder auf Instagram, noch in Zeitschriften oder im Fernsehen. Dieses Leben findest du in dir selbst, in deinem Herzen und deiner Seele.

 

Wenn du doch mal Hilfe brauchst

Was du außer einer Therapie noch tun kannst, wenn du deinen eigenen Wert als Mensch vergisst, den Zugang zu den Bedürfnissen deines Körpers verlierst und in eine Essstörung reinrutschst, erfährst du Morgen bei Kira auf www.kirasiefert.de.

 

Hier findest du Hilfe im Internet:

Bundesfachverband Essstörungen

BZgA Essstörungen

 

Alle weiteren Beiträge der ‚Bewusstseinswoche: Essstörung 2018‘:

Essen zwischen Freund & Feind: Formen von Essstörungen und wie ich sie erkenne

Meine Essstörung & Ich: Erfahrungsberichte über mögliche Ursachen und Auslöser von Essstörungen

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