Allgemein Kolumnen

Der Schlüssel in Uns

4. September 2017

Was ist bloß mit uns Menschen los? Wir leben in einer Zeit, in der keiner mehr bereit ist für sich oder andere Verantwortung zu übernehmen. Wir sind völlig übersättigt, haben keine Träume, keine Visionen mehr. Wir haben aufgehört zu glauben – an uns selbst, die Menschheit oder eine höhere Macht. Perspektivlos stehen wir vor dem Abgrund unserer Gesellschaft, einer Gesellschaft der Beachtungsexzesse, hungrig nach dem schnellen Glück, überflutet von übernatürlichen Schönheitsidealen und unmenschlichen Leistungsbegriffen. Wir leben die Ablehnung. Ablehnung gegen uns selbst, Ablehnung gegen andere. Bevor wir uns mit uns auseinandersetzen, kaufen wir lieber das nächste Markenkleid, feiern uns die Nächte um die Ohren oder wechseln die Betten wie manch einer das tägliche Paar Socken. Hauptsache der Verstand wird abgelenkt, zum Schweigen gebracht, kann das eigene Leben nicht mehr hinterfragen.

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PHOTO // DANIEL ALEXANDER NUECKEL

Unser Körper ist unser Feind geworden, den es kleinzuhalten gilt. Wir erlauben ihm keine Schwächen mehr. Jung muss er sein, ewig leistungsfähig. Wir arbeiten zu viel, essen zu schlecht, erholen uns zu wenig. Beginnt der Körper seine Stimme gegen diese Diktatur zu erheben durch Verspannungen, Grippe oder Burn-Out, wird er mit Medikamenten zum Schweigen gebracht. Zeigt er in Falten und Fettpölsterchen kleine Altersschwächen, werden Fitnesscoach, Kosmetikerin oder gar Chirurg bemüht. Schönheit ist die Devise, Gesundheit der Preis.

Wir sind schon lange nicht mehr in der Lage, uns selbst Anerkennung zu geben, erwarten aber, dass es andere tun, suchen unser Glück nicht mehr in uns selbst, sondern im Außen. Der Vergleich mit anderen ist die Basis für unseren Selbstwert geworden. Was wir haben reicht uns nicht. Solange es einen anderen gibt, der mächtiger, reicher oder schöner ist, kommen wir nicht zur Ruhe. Und erreichen wir doch die Spitze, leben wir in ständiger Angst überholt zu werden. Statt innezuhalten und zu genießen was wir haben, hasten wir weiter, um das zu bekommen, was uns zum großen Glück noch zu fehlen scheint. Der Augenblick ist vergessen, solange es noch einen übernächsten gibt.

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PHOTO // TH-PHOTOARTS

Es fehlt uns an nichts und doch sind unsere Herzen leer. Die Liebe zu uns selbst ist versiegt. Wie sollen wir uns auch lieben? So wie wir sind? Wie soll uns irgendwer so lieben? Liebe braucht Vertrauen.Vertrauen braucht den Mut, sich auf jemanden einzulassen ohne Wenn, ohne Aber. Die Liebe zu einer anderen Person braucht die Liebe zu sich selbst. Nur wer sich schätzt wie er ist, in sein pures Ich – frei von gesellschaftlich erzwungenen Idealen – vertraut, ist in der Lage, die Wertschätzung einer anderen Person überhaupt anzunehmen. Leben wir im ständigen Zweifel an uns selbst, leben wir im ständigen Zweifeln an den Gefühlen anderer. Wir lassen niemanden an uns ran aus Angst, er könnte unser wahres Ich entdecken, halten uns lieber in oberflächlichen Beziehungen gefangen, allein um den schönen Schein zu wahren. An die Stelle von Qualität tritt Quantität.

An die Stelle von tiefgreifender Zufriedenheit tritt das schnelle Glück. Genauso schnell wie es kommt, ist es auch wieder weg. Die Reizschwelle wird immer höher. Die Dosen an äußerlicher Zuwendung müssen steigen, um überhaupt noch zu spüren. Irgendwann reicht das neuste Markenkleid, die wildeste Party oder die aufregendste Affäre nicht mehr aus. Arbeit und Geld werden die besten Freunde. Beziehungen zu Menschen dienen nur noch dazu, das geschundene Ego zu streicheln oder sie für das eigene Unglück verantwortlich zu machen. Immerhin ist die Familie schuld an unserer Bindungsunfähigkeit, die Kollegen an der verpassten Gehaltserhöhung und der Staat an dem Leben, das wir führen.

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PHOTO // ROBERT COOK

Wir rennen und rennen und kommen doch nie an. Wir rennen so lange weiter bis es kein Übermorgen mehr gibt oder wir endlich zu begreifen verstehen. Begreifen, dass es nicht das große Geld ist, das uns Glück und Zufriedenheit schenkt, dass es nicht Ruhm und Reichtum sind, die unsere Herz erfüllen und dass es auch nicht die anderen sind, die für unser Leben Verantwortung tragen. Wir sind die Schmiede unseres eigenen Glücks. Eines Glücks, das nicht auf der Straße, sondern einzig und alleine in unserem Inneren zu finden ist. Wir müssen uns in die Tiefen unseres Selbst begeben und den Stimmen Gehör schenken, die uns immer wieder einreden, wir seien nicht gut genug, schön genug, liebenswert genug. Wir müssen lernen uns die Fehler zu verzeihen, die wir begangen haben und aufhören unsere Erlösung in Konsum, Unterhaltung und Leichtlebigkeit zu suchen. Wir müssen uns jeden Tag aufs Neue dafür entscheiden, uns selbst zu lieben ohne Wenn, ohne Aber. Denn Selbstliebe ist der Schlüssel zu einem Leben voll Reichtum und Frieden.

KeRa <3

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