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Model statt Prinzessin: Warum sich die immer gleiche Kritik eben doch lohnt

9. Februar 2018

Deutschlands schönste Meeedchen laufen wieder. Yay!!! Wer wohl genervter ist: die Gegner des Formats, die sich schon seit Jahren wünschen, dass die liebe Heidi mitsamt ihrer Show sonst wohin verschwindet, oder die ganzen GNTM-Fans, die die ewig selbe Kritik an dem Model-Format nicht mehr hören können. ‚Du musst die Show ja nicht ansehen.‘, ‚Wird ja keiner gezwungen, Kandidatin bei GNTM zu werden.‘, ‚Ist doch nur ne Show. Entspann dich mal.‘  Entspann dich mal? Ich wünschte, das könnte ich. Aber ich kenne beide Seiten.

Wie viele Jahre war GNTM mein ganz großer Traum – ein Traum von Glitzer, Glamour und dem ganz großen Glück. Ein Traum, der nie in Erfüllung gegangen ist. Glitzer und Glamour findest du vielleicht im Model-Business, vielleicht auch das kurze Glück, das dich in ungeahnte Sphären pusht, dich aber genauso schnell wieder am harten Boden der Realität zerschellen lässt. Weil du merkst, dass es nie ausreicht, du nie schön genug, perfekt genug sein kannst, du immer noch eins draufsetzen musst.

 

Zwischen rosa Wölkchen und harter Realität

Schaut man auf Instagram oder in Heidis Modelzirkus, sieht man den Schönheitsidealen entsprechend sehr schöne junge Frauen, immer perfekt gestylt an den schönsten Orten der Welt, strahlend lächelnd oder sexy-arrogant über alle hinwegsehend: #besterjobderwelt #ilovemyjob. Was für ein Leben. Davon kann man ja nur träumen. Dass die Realität hinter dieser Rosa-Wölkchen-Kulisse eine ganz andere ist, kann man dabei gut ausblenden, sehr gut ausblenden. Wer will sich schon Gedanken darüber machen, was hinter dem Zahnpastagrinsen steckt? Wo bleibt denn da die gute alte Illusion, der man sich so bereitwillig hingeben, mit Hilfe derer man dem Alltag entfliehen möchte? Die ganzen Aktivistenemanzen sind ja eh nur neidisch, weil sie nicht so schön sind wie die Models im Fernsehen.

Ja, ne, ist klar. Jeder, der die Show oder das Model-Business kritisiert, ist neidisch. Wie oft habe ich mir schon anhören müssen, dass ich die Modeindustrie in den Dreck ziehen würde, weil ich es als Model nie richtig geschafft hätte und mein eigenes Ego jetzt aufpolieren müsste, um mich selbst ein bisschen weniger als Versager zu fühlen. Ich verstehe den Gedankengang hinter dieser Argumentation. Es ist schwer nachvollziehbar, dass ein ehrgeiziges Model zur Kritikerin des Model-Berufs wird. Da liegt die Vermutung nahe, dass der eigene Misserfolg hinter kritischen Worten versteckt wird. Aber vielleicht können ja auch gerade die Menschen, die das ganze Business am eigenen Leib erfahren haben, diese ganze Scheinwelt viel eher hinterfragen als die vielen Außenstehenden, die nur den Blick von außen kennen.

Ich weiß, was es heißt, wenn Agenten, Fotografen oder Designer einen wie den letzten Dreck behandeln. Ich weiß, was es heißt, wenn du kein Mensch mehr bist, sondern nur noch ein lebender Kleiderständer, der keine Gefühle haben darf, sondern zu funktionieren hat. Ich weiß, was es heißt, wenn junge, talentierte und intelligente Frauen sich auf ihr Aussehen reduzieren lassen und weinend daheim anrufen, weil sie mit ihren Selbstzweifeln nicht mehr klarkommen. ‚Augen auf bei der Berufswahl. Modeln ist halt nicht für jeden der richtige Job.‘ Ich würde eher sagen: Modeln ist für keinen der richtige Job.

 

Traumjob zu vergeben

PHOTO // JENS BERGAU

Stell dir einen Beruf vor, der auf etwas aufgebaut ist, dass du nicht wirklich beeinflussen kannst, weil es dir deine Eltern vererbt haben und die Zeit damit macht, was der Zeit eben gerade so in den Kram passt. Klar, du kannst dir die Haare färben, du kannst Sport treiben und du kannst dich auch unters Messer legen, aber wirklich in der Hand hast du dein Aussehen deshalb trotzdem nicht. Du hast also einen Beruf, der auf deinem Aussehen aufgebaut ist – so weit, so gut. Jetzt zählt aber nicht, ob du mit deinem Aussehen zufrieden bist, sondern nur, ob du anderen gefällst, ob du den Designern und Magazinen gefällst. Das Problem ist, dass Kunden aber schneller ihren Geschmack ändern als Karl Lagerfeld Chanel buchstabieren kann. In einer Saison bist du vielleicht der gefeierte Star und in der nächsten bist du nicht mal mehr gut genug, um der Fashion-Prominenz ihre Plätze in der Front-Row zuzuweisen. Es gibt schlimmere Berufe? Challenge accepted.

Stell dir weiter vor, dass du einen Beruf hast, den du im Normalfall gerade mal bis Mitte 20, wenn du Glück hast bis Mitte 30 machen kannst. Dabei musst du dich um sämtliche deiner Versicherungen und Altersvorsorgen selbst kümmern. Du hast vielleicht einen Exklusivertrag mit einer Agentur, darfst also keine Jobs von anderen Agenturen annehmen, hast aber keinerlei Garantie, dass dir deine Agentur auch nur einen Job vermittelt. Du musst unbedingt aus Deutschland raus, um das große Geld zu verdienen, musst aber erstmal ganz große Schulden aufnehmen, um überhaupt ins Ausland zu kommen. Willst du nach Amerika, brauchst du neben deinem Flug erstmal ein Arbeitsvisum für mehrere tausend Euro. Du musst übertrieben hohe Mieten zahlen, damit du dir mit mehreren Models ein viel zu kleines Apartment teilen darfst. Zu essen brauchst du auch etwas. Von den Fotos, die du zur Aufwertung deiner Modelmappe bezahlen musst, und jedem kleinen Mist, den dir die Agentur für Druckkosten und Porto mit viel zu hohen Summen berechnet, mal ganz abgesehen. Dein Schuldenkonto ist bereits im fünfstelligen Bereich und trotzdem hast du keinerlei Garantie, das wieder reinzuholen. Vorher lässt dich aber in der Regel keiner mehr zurückfliegen. Erst wenn du mindestens wieder auf 0 € bist oder aber deine Schulden in so unermessliche Höhen gestiegen sind, dass deine Booker Angst haben, ihr Geld nie wieder zu sehen, bekommst du ein Ticket nach Hause. Auf ein Model, das die große Karriere startet, kommen wahrscheinlich 1000, die mit einem Berg Schulden ihre Zelte abbrechen müssen. Immer noch nicht schlimm genug? Warte… warte… warte…Ich habe noch ein Ass im Ärmel.

Stell dir einen Job vor, in dem du wenig bis gar keine Rechte hast, in dem du schon zu Beginn deiner vielleicht niemals wirklich existierenden Karriere einen Vertrag unterschreibst, der nicht nur an einer Stelle die Grenze zur Sittenwidrigkeit streift. Und nein, ich rede nicht von irgendwelchen unseriösen, semiprofessionellen Möchtegern-Agenturen. Ich spreche hier von den besten Agenturen Deutschlands. Du hast also diesen Arbeitsvertrag unterschrieben, der die Agentur und ihre Kunden von jeglicher Haftung befreit und dich dir selbst überlässt. Ob die Agentur liefert? Ganz egal, Hauptsache du lieferst.

 

PHOTO // RALPH GEILING

Ganz deine Wahl…

Die wenigsten Agenten werden dir wohl sagen, dass du dir bitte nach dem Essen den Finger in den Hals stecken sollst oder mal eine Mahlzeit oder zwei auslassen könntest. Aber sie werden dir sagen, dass du mit ein bisschen weniger Hüftumfang bei den Kunden bessere Chancen haben wirst oder dass Designer xy seine Models gerne mit flacherem Bauch und weniger Brust hat. Was hast du schon für ne Wahl? Du wolltest doch Model werden und gibst dich jetzt ganz bestimmt nicht so einfach geschlagen, also nimmst du ab. Der Erfolg gibt dir Recht, die Kunden buchen dich. Aber nicht alle. Manchen bist du vielleicht immer noch zu viel, vermutet dein Booker. Also gehen noch mal ein paar Kilos flöten. Du musst nur aufpassen, dass du bei alldem noch gesund und fit aussiehst. Nicht dass nachher noch jemand denken könnte, du wärst krank, wohlmöglich noch essgestört.

Bist du bei einem Kunden, hast du zu tun, was er von dir will, egal was er will. Er will, dass du High-Heels anziehst, die dir drei Nummern zu klein sind? Kein Problem. Er will, dass du dein Oberteil ausziehst, damit nichts mehr von der Handtasche ablenkt? Kein Problem, du darfst deine Brustwarzen ja immerhin noch bedecken. Oder wie wäre es denn, wenn du für das nächste Bild deine Klamotten einfach gleich komplett ausziehen würdest? Damit hast du dann vielleicht doch ein Problem. Du weißt aber auch, wenn du es nicht tust, wird dich der Starfotograf mit Sicherheit nicht mehr buchen. Vielleicht erzählt er sogar anderen Fotografen wie prüde du bist, dann buchen die dich auch nicht mehr. Also ziehst du dich doch lieber aus. Du musst ja auch noch irgendwie deine Schulden abbezahlen. Ach, du bist erst 16? Dann ist ja alles gut. Dann darfst du zumindest die durchsichtige Unterwäsche anbehalten. Dass der Fotograf an dir rumtatscht ist mit Sicherheit auch kein Problem für dich. Er stellt doch nur sicher, dass der BH auch wirklich richtig sitzt.

 

So ein Salat

Was für ein Traumjob: niedrige Investitionen, freundliches Arbeitsklima und große Gewinnchancen. Warum bin ich nochmal gleich Model gewesen? Ich weiß es nicht. Ich weiß es beim besten Willen nicht. Ich weiß nur, dass ich wahnsinnig froh bin, dass ich mittlerweile keines mehr bin. Und manchmal falle ich tatsächlich trotzdem noch in alte Muster zurück, frage mich, was wäre wohl gewesen, wenn… Dann kommt für einen ganz kurzen Moment wirklich so etwas wie Neid hoch. Aber schon im nächsten Augenblick erinnere ich mich daran, dass der schöne Schein nicht mehr ist als das: ein schöner Schein, der mit der Realität recht wenig zu tun hat. Bitte versteh mich nicht falsch, ich verdamme niemanden dafür, dass er oder sie Model ist. Das darf jeder für sich selbst entscheiden. Was ich verdamme, ist dieses falsche Bild, was nach außen hin von diesem Job vermittelt wird. Wie soll denn ein 15- oder 16jähriges Mädchen die Tragweite dieses Business verstehen können, wenn sie immer nur schöne Models am Strand sieht? Wie sollen denn die Eltern dieses Mädchens verstehen, welche Konsequenzen ihre Unterschrift unter dem Agenturvertrag mit sich bringt? In Deutschland können sie ihre Töchter vielleicht noch zu den Jobs begleiten, aber welche Mutter kann schon über Wochen mit nach Amerika fliegen?

Ich weiß, dass ich diesen Job nicht verbieten kann. Ich würde mir aber wünschen, dass die Politik endlich erkennt, dass junge Menschen in diesem Beruf geschützt gehören. Wenn ich also einen Wunsch an die deutschen Politiker richten könnte (oder auch 3), dann würde ich fordern:

  1. … dass Modeln erst ab einem Alter von 18 Jahren erlaubt sein sollte. Von mir aus auch gerne erst ab 21, aber ab 18 ist man nun mal volljährig und muss selbst entscheiden, was richtig für einen ist und was nicht. Ich glaube, dass es zu viel von den Eltern minderjähriger Models verlangt ist, dass sie das Business so durchdringen, dass sie in der Lage sind, ihre Kinder ausreichend schützen zu können.
  2. … dass Models keinen BMI unter 18 haben dürfen und darüber hinaus ein psychologisches Attest brauchen, dass ihnen bescheinigt, dass sie nicht gefährdet sind, eine Essstörung zu entwickeln.
  3. Wenn wir schon dabei sind: … dass es einen Katalog an Richtlinien geben sollte, was mit Photoshop erlaubt ist und was nicht. Was definitiv nicht erlaubt sein sollte, ist dass Models auf Fotos schlanker retuschiert werden.

Das wäre doch mal ein schöner Anfang. Apropos Anfang: irgendwie bin ich da wohl ein bisschen von meinem Anfang abgekommen – Heidi Klum und GNTM. Als einstige Verehrerin der großen Klum habe ich mich mittlerweile ja als Kritikerin zu erkennen gegeben. Also, ich wollte es einfach nur nochmal erwähnen, falls es jemand nicht aufgefallen sein sollte. Aber nein, ich bin nicht der Ansicht, dass Heidi und Pro7 allein dafür verantwortlich sind, dass junge Frauen Zweifel an sich und ihren Körpern, im schlimmsten Fall sogar Essstörungen entwickeln. Das würde die Essstörungsproblematik viel zu sehr vereinfachen. Aber ich bin definitiv der Meinung, dass GNTM den Blick unserer Gesellschaft auf den weiblichen Körper beeinflusst hat. Während wir Anfang der 2000er vielleicht wussten, dass Models auf Laufstegen unterwegs sind und hier und da mal ein paar Fotos knipsen, sind wir dank Modelmama Heidi richtige Model-Experten. Wir wissen, wie ein Model auszusehen, wie es sich auf dem Catwalk zu bewegen und wie es vor einer Kamera zu posen hat. Wir können die ‚hässlichen‘ Modelanwärterinnen von den ‚schönen‘ unterscheiden und bestimmen, wer es verdient hat eine Runde weiterzukommen und wer unbedingt nach Hause gehört. Während junge Mädchen früher noch Prinzessinnen werden wollten, heißt der neue Traumjob heutzutage ‚Model‘. Danke Heidi.

Jetzt haben wir den Salat (*muhaha* Salat *muhaha*). Jetzt müssen wir eben schauen, was wir mit dem Salat machen. Kritik ist definitiv gut. Auch wenn sie vielen auf die Nerven geht, ich bin ein großer Fan von Kritik, aber bitte konstruktiv-durchdacht und nicht so ein radikales Draufgehaue, wie manch einer das gerne macht. So lange diese Show mit ihren durchaus bedenklichen Inhalten weiterläuft, braucht es unbedingt Kritik, damit nicht vergessen wird, was hinter Heidis strahlend weißem Lächeln für Mechanismen ablaufen und wir in der Lage bleiben, uns mit den immer jünger werdenden Zuschauerinnen auf Augenhöhe zu unterhalten, ohne die Sendung dabei zu verdammen. Nur so können wir ihnen ins Gedächtnis rufen, worauf es im Leben wirklich ankommt: nicht auf Schönheit, sondern auf inneres Glück und Gesundheit.

PHOTO // ROBERT COOK

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