Allgemein Lifestyle

Modeln war gestern

21. September 2015

Wer bin ich, wenn ich kein Model mehr bin? Diese Frage habe ich mir in den letzten Wochen immer wieder gestellt. Mein halbes Leben bin ich einem Traum hinterhergerannt: Ich wollte als Model international Karriere machen. Ich wollte die Welt bereisen, Geld verdienen und von Allen bewundert werden…

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11.Juli 2004

Mit 15 hatte mir eine Agentur einen Vertrag angeboten. Die einzige Bedingung: Abnehmen. Ich war so sehr in dem Streben gefangen, mir und meinem Umfeld etwas beweisen zu müssen, dass ich mich bereitwillig in diese Welt begeben wollte, egal für welchen Preis. Unzählige Diäten, Fressanfälle und Klinikaufenthalte später weiß ich, dass Modeln für mich nie mehr als eine Droge war, eine Droge mit der ich meine Selbstzweifel kompensiert habe. Ich konnte mich selbst nicht leiden und plötzlich lag da dieses Versprechen in der Luft, ein Versprechen von Ruhm und Reichtum. Wie kann man als junge Frau in unserer Gesellschaft besser die eigenen Zweifel kompensieren als über seinen Körper? Wer setzt sich gerne mit den inneren Dämonen auseinander und hinterfragt sein eigenes Handeln? Ich schon mal nicht. Mir schien es weit reizvoller, mich von Fotografen in Unterwäsche und Bikinis ablichten zu lassen.

Andres De Lara (6)

PHOTO // ANDRES DE LARA

Schon mit den ersten semiprofessionellen Fotos war mir die Bewunderung meines Umfeldes sicher. Irgendwie war ich etwas Besonderes. Für die große Karriere als Straight Size-Model hat es trotzdem nicht gereicht. Dazu hatte ich einfach zu viel: zu viel Oberweite, zu viel Po, zu viel Gewicht. Was also tun, wenn man nach der Anerkennung fremder Menschen dürstet, aber zu kräftig ist um als normales Model zu arbeiten? Man wird Plus Size-Model und steht vor denselben Agenten, die einen drei Monate zuvor noch wissen lassen haben, dass man zu fett sei um als Model zu arbeiten und bekommt auf einmal zu hören, was man doch für eine perfekte Figur hat. Ich? Eine perfekte Figur? Das sind ja ganz neue Töne.

Es gibt also doch noch eine Hoffnung für das geschundene Ego. Es besteht weiterhin die Möglichkeit, sich von fremden Menschen auf Aussehen und Körper reduzieren zu lassen. Halleluja! Und natürlich redet man sich ein, dass die Plus Size-Welt ja eine ganz andere ist, viel gesünder, weil sich hier niemand runterhungern muss. Sie gibt einem die Möglichkeit gegen den Strom des gängigen Schönheitsideals zu schwimmen, zu rebellieren, allen zu beweisen, dass man doch etwas wert ist, obwohl man keine Kleidergröße 36 trägt. Und plötzlich wird man professionelles Plus Size-Model.

Marina Rinaldi (1)

MARINA RINALDI

Wo du bisher deine Selbstverachtung nur über die Bewunderung von Bekannten zum Schweigen bringen konntest, kannst du nun von der Bestätigung echter Profis zehren. Du hast deine ersten großen Castings, deine ersten Jobs. Du bekommst einen Vertrag bei einer renommierten Londoner Agentur, läufst für einen internationalen Designer in Italien über den Laufsteg und wirst für dein erstes Editorial in Frankreich fotografiert. Du fühlst dich als könntest du die ganze Welt erobern. Endlich erkennt jemand, was in dir steckt. Dein Ego gibt Ruhe.

Trotzdem merkst du bald, dass der Job besser laufen könnte. Andere Models bekommen viel mehr und bessere Aufträge, verdienen besseres Geld. Wieder ist dir eine Option auf ein Shooting rausgegangen. Auf Instagram siehst du, welches Model an deiner Stelle nach Griechenland geflogen wird, um DEINEN Job zu machen. Und wieder plagst du dich mit Selbstzweifeln, fühlst dich als Versager. Was hat sie, was du nicht hast? Dann verlierst du auch noch einen Stammkunden und wirst von deiner Londoner Agentur gekappt, weil sie dir dort keine Karrieremöglichkeiten verbauen möchten. Aus dem Loch musst du erst mal wieder rauskommen. Während du zehn Schritte zurückgehst, marschieren andere Models mit zwanzig Schritten an dir vorbei. Aus Freundinnen werden Konkurrentinnen. Nicht etwa, weil sie dich als Konkurrenz wahrnehmen. Dazu hast du viel zu wenig Erfolg. Viel eher, weil sie deinen Traum leben. Sie erreichen, was du dir immer erhofft hast und niemand kann dir sagen weswegen. Bist du zu hässlich? Ist dein Körper nicht schön genug? Bist du vor der Kamera zu schlecht?

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PHOTO // SARAH DULAY

Du fragst deinen Modelbooker. Der weiß aber auch nicht so richtig, was das Problem ist. Dem ist es aber auch völlig egal, weil er andere Models hat mit denen er das große Geld scheffelt. Du bist bereit dazu, deine Haare zu verändern, dir Polster zu kaufen, nur um kurviger zu sein, für Monate ins Ausland zu gehen, solange nur die entfernteste Chance besteht, doch noch irgendwie Erfolg zu haben. Du rennst weiter und weiter ohne Rücksicht auf Verluste, Hauptsache du musst dich nicht mit dir selbst auseinandersetzen – immer auf der Suche nach dem nächsten Kick, dem nächsten Job, der Bewunderung anderer. Aber ganz egal wie schnell du rennst, du wirst nie ankommen. Kein Auftrag, kein Geld, kein Mensch der Welt kann dir geben, was du dir selbst nicht geben kannst: Liebe. Liebe ist das, wonach du eigentlich so verzweifelt suchst. Aber das willst du nicht wahrhaben. Das würde dich viel zu verletzlich machen. Viel lieber belügst du dich weiterhin selbst…

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PHOTO // AVRON LETO

Irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich immer mehr begonnen habe zu hinterfragen – mich, meine Motive, die Industrie. Ich wollte und konnte mich nicht länger belügen. Mir wurde klar, dass mein Durchbruch als Model vielleicht mein Ego streicheln, aber mich nie im Leben wirklich glücklich machen würde. Nach langen Gesprächen und schlaflosen Nächten wurde mir bewusst, dass ich den Weg zu mir, zu wahrem Glück nicht in einer oberflächlichen Welt wie dieser finden konnte. Ich musste den kompletten Abstand bekommen, ich musste mit dem Modeln aufhören. Einsam und allein in einem Hotelzimmer in Köln nachts um 2Uhr traf ich nach langem Kampf mit meinen Dämonen die Entscheidung kein Model mehr zu sein. Zack! Bum! Von einer auf die andere Sekunde war ich kein Model mehr. Eine kiloschwere Last fiel mir von den Schultern. Plötzlich konnte ich wieder atmen. Ich musste niemandem mehr etwas beweisen, ich konnte einfach ich selbst sein. Mehr nicht. Einfach ich selbst.

Die erste große Erleichterung wich bald einer tiefen Leere. Wer war ich, wenn ich kein Model mehr war? Ich fühlte mich weniger schön, weniger wert. War ich denn völlig bekloppt, einen Job aufzugeben, der so viel Prestige versprach? Vielleicht war ich ja ganz kurz vor meinem großen Durchbruch. Die Medien bezeichneten mich schon als international erfolgreiches Topmodel. Topmodel? Weil ich ein paar Jobs im Ausland gemacht habe? Ernsthaft? Klar, es ist ja auch allgemein bekannt, dass Topmodels auf 11qm in Studentenwohnheimen wohnen. Ganz schnell war ich wieder bei dem Gedanken, dass ich nur noch einmal nach Istanbul, Kapstadt und New York gehen könnte und dann erst mit dem Modeln aufhören würde. Nur noch ein Schuss und dann würde ich für immer aufhören…

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PHOTO // ROBERT COOK

Selbst nach über sechs Monaten kaltem Entzug überkommen mich immer wieder Zweifel an meiner Entscheidung. Ich habe mich auf Social Media weitestgehend von anderen Models abgeschottet, um nicht mitzubekommen, welche tollen Jobs sie machen, an welche schönen Orte sie reisen und wie glamourös doch ihr Leben ist. Das wäre ungefähr genauso gesund, wie wenn ein trockener Alkoholiker sich die ganze Zeit Videos von irgendwelchen Alkoholexzessen ansehen würde. Heute hatte ich wieder einen dieser Tage, an dem ich mich wie ein wertloser Versager gefühlt habe, weil ich kein Model mehr bin und das alles nur, weil ich doch wieder mitbekommen habe, dass ein anderes Model meinen vermeintlichen Traum lebt. Den Traum von einem Job, der keinerlei Sicherheiten bietet, der kurzlebig und wechselhaft ist, bei dem ich nur auf mein Aussehen beschränkt werde, bei dem es völlig egal ist, was ich im Kopf habe und ob mein Herz am rechten Fleck sitzt. Ganz schön verrückt. Ich bin kein Model mehr. Ich bin mehr wert als mein Aussehen. Ich bin ich, auf der Suche nach wahrem Glück, Selbstliebe und innerem Frieden.

KeRa <3

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