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Hauptsache schlank: latente Essstörungen, Diät-Wahn & Cheat-Days

3. März 2018

Was würdest du sagen, wenn ich dir ein Angebot machen würde? Du hast die freie Wahl: Entweder bekommst du von mir die Garantie, dass du nie wieder in deinem Leben darauf achten musst, was du isst und auch nie wieder zum Sport gehen brauchst und trotzdem dein ganzes Leben lang schlank und schön bleiben wirst. Im Tausch dafür wirst du 5 Jahre weniger leben. Oder Option 2: Du wirst ein langes, glückliches und erfülltes Leben führen, wirst aber dafür alle 5 Jahre 2 kg zunehmen. Wofür entscheidest du dich?

Vor wenigen Jahren noch hätte ich mich definitiv für Option 1 entschieden. Wenn ich sehe, wie viele neue Fitness-Studios jedes Jahr aus dem Boden wachsen, würde ich vermuten, dass ich mit dieser Entscheidung nicht allein gewesen wäre. Jeden Tag trainieren Millionen Menschen in Deutschland in Studios oder mit Apps zuhause. Wofür das Ganze? Natürlich um gesund und fit zu sein, sich selbst wohler in der eigenen Haut zu fühlen. Interessant. Die meisten Personen, die ich trainieren sehe, trainieren nicht für die Gesundheit, sondern für den perfekten Köper. Ein durchtrainierter Körper ist aber nicht dasselbe wie ein gesunder Körper. Sonst müssten Spitzensportler ja eigentlich am gesündesten sein. Komisch, dass gerade die aber aller spätestens mit Mitte 30 aufhören müssen, weil ihre Gelenke und Sehnen zu kaputt sind, um dem Sportpensum noch standhalten zu können.

Versteh mich bitte nicht falsch. Diäten und Fitness haben ihre Berechtigung. Wenn man stark über- oder untergewichtig ist, sollte man unbedingt eine individuell gesunde Ernährungsumstellung in Erwägung ziehen. Aber wenn eine obsessive Beschäftigung mit dem eigenen Körper, eine strikte Einschränkung des Essverhaltens und übertriebene Trainingsprogramme zum gesellschaftlichen Normalverhalten werden und die medial propagierte weibliche Idealfigur im leichten bis starken Untergewicht liegt, stimmt etwas nicht.

Letztendlich muss jeder selbst entscheiden, was für ihn oder sie richtig ist. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle den ganzen Diät-Wahn und Fitness-Hype aus einer anderen Perspektive betrachten. Denn was leicht in Vergessenheit gerät: Eine Diät kann der Einstieg in eine Essstörung sein. Und nein, nicht jeder Mensch, der eine Diät hält, wird automatisch essgestört. Aber zu Zeiten von Low Carb Diäten, Eiweiß-Shakes und Cheat-Days sind Essstörungen näher als gedacht; vielleicht nicht die manifesten, aber doch zumindest die latenten.

 

Latente und manifeste Essstörungen

Unter manifesten Essstörungen werden Krankheiten wie Magersucht und Bulimie verstanden, die man ohne therapeutische Hilfe kaum bewältigen kann. Was sind jetzt aber latente Essstörungen? Eine Essstörung ist per se ja erst einmal ein gestörtes Essverhalten. Klar. Eigentlich essen wir, um Nährstoffe zu uns zu nehmen, die unseren Körper mit allem Notwendigen versorgen, damit die Organe funktionieren, wir gut gesättigt sind und genug Energie haben. Essen wir intuitiv, dann essen wir, wenn wir Hunger haben das, was unser Körper gerade braucht und er uns durch Signale zu verstehen gibt, und hören auf, sobald wir satt sind.

Dieses Essverhalten kann man bei gesunden Kindern ganz gut beobachten: Das Kind hat Hunger und schreit nach Essen. Es will sofort Essen haben und nicht erst in einer Stunde oder zwei. Es will auch nicht irgendetwas, sondern Brot und Karotte. Gurke? Nein! Tomate? Nein. Also dann eben Brot und Karotte. Wenn es dann keinen Hunger mehr hat, hört es auf zu essen, selbst wenn die Karotte zu dreiviertel gegessen ist und man eigentlich noch eben den Rest essen könnte. Das Kind hört genau jetzt auf zu essen, keinen Bissen später.

Leider verlernen wir dieses Essverhalten mit der Zeit. Wir essen aus Frust, wegen Stress oder Langerweile, weil wir traurig sind oder uns einsam fühlen. Wir essen über unser Sättigungsgefühl hinaus oder verzichten auf bestimmtes Essen, um abzunehmen.

Latent gestört wird Essverhalten dann, wenn sich die ganze Wahrnehmung nur noch ums Essen- oder Nichtessen dreht. Darf ich das essen? Oder hat das vielleicht zu viele Kalorien? Wie lange muss ich trainieren, um zu verbrennen, was ich gerade nicht hätte essen sollen? Man hält ständig, immer Diät sein Leben lang. Man kontrolliert sein Essverhalten ganz genau, hat vielleicht sogar Angst zuzunehmen. Man trainiert und trainiert und ist doch nie zufrieden mit dem Körper. Fällt dir etwas auf? Viele, viele Menschen leben genau so. Ich wette mit dir, dass du mindestens eine Person in deinem Umfeld kennst, deren Gedanken um gefühlt nichts anderes kreisen als um die Optimierung der eigenen Figur. Hier geht es nicht mehr um die Gesundheit, sondern, wenn wir mal ehrlich sind, um das Aussehen. Denn egal wie ‚gesund‘ du isst, den Stress, den du dir auf Dauer dabei machst, ist viel ungesünder als jeder Donut. Aber zum Glück gibt es ja Cheat Days.

 

Der Mythos Cheat Day

Was muss die Fast Food-Industrie sich bei dem ganzen Abnehm-Hype gefreut haben, als Cheat Days erfunden worden sind. Cheat Days oder Cheat Meals sollen dir die Möglichkeit geben 6 Tage die Woche strikt Diät zu halten, um dein Körper in Topform zu kriegen, damit du einen kompletten Tag oder bei einer Mahlzeit alles essen darfst, was du möchtest. Dadurch sollen angeblich Heißhungerattacken vermieden und dein Stoffwechsel wieder angekurbelt werden, damit dein Körper nicht denkt, dass er in einer Hungernot ist und auf Sparflamme geht, sondern weiß, dass es nur darum geht abzunehmen und gefälligst anständig weiterstoffwechselt. Cheat Day also, weil man seinen eigenen Körper austrickst. Dabei gibt es natürlich Regeln: Du sollst kein schlechtes Gewissen haben, dich nicht überfressen und trotzdem nicht zu viele Kalorien auf einmal zu dir nehmen. Na dann ist ja alles gut.

Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich das lese. Als wäre der Körper ein Feind, den man überlisten muss. Dass man Heißhungerattacken bekommt, wenn man zu wenig Kohlenhydrate zu sich nimmt, liegt daran, dass der Körper besorgt ist, man könne unterversorgt werden und er einem deswegen das Signal gibt ‚hey, du musst unbedingt ganz viel essen, damit die Speicher wieder aufgefüllt werden‘. Wie respektlos von unserem Körper. Dass der Stoffwechsel bei Diäten runterfährt liegt daran, dass der Körper verhindern möchte, dass du verhungerst und deswegen alle körperlichen Prozesse nur noch auf Sparflamme stattfinden. Wie rücksichtslos von unserem Körper. Da will man sich in Ruhe runterhungern und der Körper meint einfach zu bestimmen, dass man gefälligst nicht zu verhungern hat. Frechheit!

Und was heißt überhaupt Topform? Topform im Sinne von gesund und fit? Dann musst du weder eine Low Carb-Diät halten noch cheaten. Dann kannst du nämlich einfach ausgewogen essen, dir ab und zu mal etwas ganz ohne schlechtes Gewissen gönnen und moderat Sport treiben. Denn dann findet dein Körper von selbst sein Wohlfühlgewicht, mit dem er am fittesten und frei von Heißhungerattacken ist. Dann hast du vielleicht keine Modelfigur, aber eben deine individuell, gesunde Form. Ach so… Topform im Sinne von perfekt modelliert. Sorry, kleines Missverständnis. Dann kämen wir aber wieder in den Bereich der latenten Essstörungen.

Und wer garantiert dir noch gleich, dass es bei einer latenten Essstörung bleibt, wenn du sechs Tag die Woche Diät hältst und einen Tag futterst? Das habe ich auch lange Zeit gemacht. Bei mir hat sich das allerdings Bulimie ohne Erbrechen genannt. Die große Preisfrage hierbei: Wo hört das Cheaten auf und wo fängt die Bulimie an? Gar nicht daran zu denken, wie sehr du dein Verdauungssystem belastest mit dem ständigen Wechsel von wenig auf viele Kalorien, Fette und Kohlenhydrate. Gesund ist was anderes.

 

Endlich frei!

PHOTO // ROBERT COOK

So lange aber Schönheit, Schlankheit und Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft immer mehr über den Wert eines Menschen entscheiden und als Kompensationsstrategien für ein geschwächtes Selbstwertgefühl fungieren, werden die offiziellen Zahlen an essgestörten Patienten weiter steigen und nur noch von der Dunkelziffer an latent essgestörten Menschen ohne intuitives Essverhalten übertroffen werden.

Deswegen bitte ich dich: Vergiss die unrealistischen, unerreichbaren Schönheitsideale, die in den Medien gezeigt werden und besinne dich auf das zurück, was dich als Mensch wirklich ausmacht! Nicht deine Speckröllchen, deine Cellulite oder deine Pickelchen – die hat eh jeder mehr oder weniger und die entscheiden ganz sicher nicht über deinen Wert. Auch nicht die kleinen Ecken und Kanten und Makel, die ganz alleine deine sind und dich absolut einzigartig machen. Nein. Dein Charakter, dein Herz, dein Verstand und die Art und Weise, wie du mit anderen Menschen umgehst, aber auch wie du mit dir selbst und deinem Körper umgehst.

Du hast nur diesen einen Körper, der dich so sehr liebt, dass er mit allen Mitteln versucht, dich am Leben zu erhalten. Wenn dieser einzigartige Körper nicht mehr tut, dann tust du auch nicht mehr. Warum also wenig essen und übermäßig Sport treiben, um deinen Körper optisch zu optimieren? Iss gesund mit ganz viel Genuss und bewege dich mit ganz viel Spaß, um deinem Wunderkörper das zu geben, was er wirklich braucht. Lerne auf die Signale zu hören, die er dir gibt. Liebe ihn wie er dich liebt und ich verspreche dir, du wirst zu deinem individuelle intuitiven Essverhalten frei von Normen und Regeln zurückfinden und ein langes, glückliches und erfülltes Leben führen.

 

Auf in die letzte Runde

Morgen am letzten Tag der BWE 2018 wird dir Kira auf www.kirasiefert.de abschließend einen Überblick über die Hilfsmöglichkeiten bei Essstörungen geben, die du im Internet hast, in Ergänzung zu oder im Anschluss an deine ambulante oder stationäre Therapie.

 

Hier findest du Hilfe im Internet:

Bundesfachverband Essstörungen

BZgA Essstörungen

 

Alle weiteren Beiträge der ‚Bewusstseinswoche: Essstörung 2018‘:

Essen zwischen Freund & Feind: Formen von Essstörungen und wie ich sie erkenne

Meine Essstörung & Ich: Erfahrungsberichte über mögliche Ursachen und Auslöser von Essstörungen

Schön, schöner, Photoshop: Der Einfluss der Medien auf die Entwicklung von Essstörungen

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