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Essen zwischen Freund & Feind: Formen von Essstörungen und wie ich sie erkenne

26. Februar 2018

Mehr als die Hälfte aller Mädchen im Alter von 6 – 19 Jahren fühlt sich laut einer Studie zu dick. Jedes dritte Mädchen im Alter von 16 Jahren leidet unter einer Essstörung. Etwa jeder zehnte Erkrankte ist männlich.

Zahlen, die uns eigentlich vor Augen führen sollten, wie weit die Essstörungsproblematik in unserer Gesellschaft vorgedrungen ist. Trotzdem werden Essstörungen noch viel zu häufig als bewusste Entscheidung, zu wenig oder zu viel zu essen, abgetan. Eine Diät zu halten, mag eine bewusste Entscheidung sein. Eine Essstörung ist eine Sucht, die ernsthafte gesundheitliche Konsequenzen mit sich bringt – wie im Fall des Models Henriette Hömke 2017 vielleicht sogar den Tod.

Aber wo hört eine harmlose Diät auf und wo fängt eine Essstörung an? Ab wann spricht man von gestörtem oder krankhaftem Essverhalten? Fragen, die gar nicht so leicht zu beantworten sind. Nicht jede Essstörung ist gleich. Ganz im Gegenteil. Es gibt so viele unterschiedliche Formen von gestörtem Essverhalten, dass die Dunkelziffer weit höher ist, als offizielle Zahlen vermuten lassen. Grund genug endlich mal offen darüber zu sprechen.

Damit du einen Eindruck von der Vielschichtigkeit der verschiedenen Krankheitsbilder bekommst, möchte ich dir heute am 1. Tag der Bewusstseinswoche die drei offiziell anerkannten Essstörungen (Anorexie, Bulimie und Binge-Eating) näher erläutern und dir einen Einblick in zwei weitere Formen geben, die bisher wenig erforscht, aber aus meiner Sicht  immer mehr auf dem Vormarsch sind (Orthorexie und Muskeldysmorphie).

 

Der Zwang weniger zu werden

Anorexie (Magersucht)

Bei der Magersucht steht das Bedürfnis im Vordergrund, das Körpergewicht zu reduzieren und das eigene Essverhalten stark einschränkend zu kontrollieren. Betroffene essen wenig bis gar nichts mehr, fühlen sich häufig trotz starkem Gewichtsverlust aber dennoch zu dick. Diäten, Hungern, Vermeidung von hochkalorischen oder fetthaltigen Lebensmitteln, Abführmittel oder Appetitzügler, ein übermäßiges Bewegungs- oder Sportprogramm gehören zu den Maßnahmen, die ergriffen werden, um Körper und Nahrungsaufnahme zu regulieren. Ein BMI im untergewichtigen bis stark untergewichtigen Bereich ist meist die Konsequenz. Durch die Mangelernährung kann es darüber hinaus zu Haarausfall, Zahn- und Knochenschäden sowie dem Ausbleiben der Periode bei Frauen oder Potenzstörungen bei Männern und im schlimmsten Fall sogar zum Tod kommen. Dementsprechend gilt die Magersucht als gefährlichste Essstörung.

 

Zwischen Extremen gefangen

Bulimie (Fress-Brecht-Sucht)

Ähnlich wie Magersüchtige leiden bulimische Patienten unter der Angst zu dick zu werden, versuchen ihr Essverhalten deshalb ebenfalls zu beschränken. Anders als bei der Magersucht kommt es bei der Bulimie jedoch zu sogenannten Essanfällen, im Zuge derer Betroffenen innerhalb kürzester Zeit eine große Menge an Essen in sich hineinstopfen. Nicht selten werden bei solchen Fressattacken mehr Kalorien zu sich genommen, als ein gesunder Mensch über einen ganzen Tag verteilt aufnimmt. Um die Kalorien danach wieder loszuwerden, führen die Erkrankten sich häufig selbst zum Erbrechen. Was vielen nicht bekannt ist: Es gibt neben der Bulimie mit Erbrechen auch eine Form ohne Erbrechen. Hier werden andere gegensteuernde Maßnahmen ergriffen, um trotz hoher Kalorienzufuhr nicht zuzunehmen: Hungern, strikte Diäten, ein übermäßiges Sportpensum, Abführmittel und andere entwässernde, gewichtsreduzierende Medikamente. Die Betroffenen haben aufgrund ihrer Essattacken häufig mit ausgeprägten Scham- und Schuldgefühlen zu kämpfen. Weil Bulimiker nicht selten vom Gewicht im normalgewichtigen Bereich sind und die Fressanfälle im Verborgenen stattfinden, kann die Krankheit lange Zeit unerkannt bleiben.

 

Wenn der Hunger nicht aufhört

Binge-Eating (Fress-Sucht)

Betroffene einer Binge-Eating-Störung leiden ebenfalls unter Fressanfällen mit absolutem Kontrollverlust. Im Gegensatz zur Bulimie werden beim Binge-Eating jedoch keine gegensteuernden Maßnahmen, wie das Erbrechen, ergriffen. Je nachdem wie häufig es zu solchen Essattacken kommt, kann sich das Gewicht Erkrankter bis hin in den stark übergewichtigen, also adipösen, Bereich bewegen. Ähnlich wie bei der Bulimie werden die Essanfälle als eigenes Versagen empfunden und gehen dementsprechend mit enormen Scham- und Schuldgefühlen einher.

 

Ungesund gesund

Orthorexie

Bei der Orthorexie handelt es sich um eine Form der Essstörung, die bisher noch wenig erforscht ist, in Zeiten des Öko- und Vegan-Hypes jedoch einen immer größeren Stellenwert einnimmt. Unter Orthorexie versteht man den Zwang, ‚gesund‘ und/oder ethisch korrekt zu essen. Die Betroffenen entwickeln eine obsessive Beschäftigung mit Herstellung, Inhalts- und Zusatzstoffen von Lebensmitteln. Es landet nur noch auf dem Teller, was vorher einer eingehenden Überprüfung unterzogen und als gut befunden worden ist. Bevor im Restaurant etwas gegessen wird, was dem eigenen Empfinden entsprechend als ungesund eingestuft ist, wird unter Umständen lieber ganz auf Essen verzichtet. Mangelernährung, soziale Isolation oder Schuldgefühle, wenn man den eigenen Ansprüchen entsprechend doch mal auf mangelhafte Nahrung zurückgreifen musste, führen zu einem hohen Leidensdruck.

 

Der Zwang weiter zu trainieren

Muskeldysmorphie

Die Muskeldysmorphie oder auch der so genannte Adonis-Komplex kann als Gegenstück zur Anorexie verstanden werden. Während bei der Anorexie der magere Körper im Zentrum steht, ist die Muskeldysmorphie auf ein muskulöses Körperideal gerichtet. Um dieses Körperideal zu erreichen, wird häufig über die eigenen Schmerzgrenzen hinaus mit Gewichten trainiert, werden strenge (Eiweiß-)Diäten gehalten und unter Umständen sogar auf legale bis illegale Zusatzpräparate zurückgegriffen. Obwohl die Betroffenen irgendwann muskulösere Körper haben, als ihn der Durchschnitt jemals erreichen wird, fühlen sie sich häufig immer noch zu schmächtig und zu untrainiert und schämen sich sogar für ihren als unförmig empfundenen Körper. Aufgrund des gesellschaftlichen Ideals des durchtrainierten Körpers leiden vor allem Männer unter dem Adonis-Komplex.

 

Ist das noch normal oder schon essgestört?

Über die erläuterten Essstörungen hinaus gibt es viele weitere Formen essgestörten Verhaltens (z.B. atypische Essstörungen oder Mischformen, Night-Eating-Syndrom und Chewing and Spiting). Prinzipiell gilt aus meiner Sicht: Sobald das eigene Essverhalten nicht mehr frei, sondern zwanghaft ist, liegen erste Anzeichen essgestörten Verhaltens vor. Das soll nicht heißen, dass man schon essgestört ist, wenn man an einem Abend mal über den Hunger hinaus isst und nach einer ganzen Pizza nicht aufhören kann, sondern mit dem Nachtisch weitermacht, weil es einfach so gut schmeckt. Von einer Essstörung muss man dann anfangen zu sprechen, wenn alle Gedanken nur noch ums Essen oder Nicht-Essen, nur noch um den Körper und den Sport kreisen und man das Empfinden entwickelt, fremd bestimmt zu werden, wenn man nicht mehr selbst über Hunger- oder Sättigungsgefühl entscheidet, sondern Zwangs- oder Suchtverhalten das Ruder übernehmen. Dann ist es Zeit, zu überlegen, ob man nicht vielleicht professionelle Hilfe braucht.

Damit du ein besseres Empfinden für die Essstörungsproblematik bekommst und lernst, den Zeitpunkt zu erkennen, ab dem ein Termin bei einer Beratungsstelle sinnvoll ist, stellen wir dir Morgen die Erfahrungsberichte Betroffener vor.

 

Hier findest du Hilfe im Internet:

Bundesfachverband Essstörungen

BZgA Essstörungen

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