Allgemein Soul

Hässliches Entlein war gestern

16. Oktober 2017

Viele von euch werden es bereits mitbekommen haben: Am 12. Oktober 2017 stand ich auf der Frankfurter Buchmesse mit meinem Buch „Hässliches Entlein war gestern“ neben zwei weiteren AutorInnen im Kindle Storyteller X Award-Finale von Amazon. Auch wenn es für den ersten Platz nicht gereicht hat, bin ich einfach nur dankbar, dass ich es überhaupt so weit geschafft habe. An dieser Stelle möchte ich nicht nur mein Finalisten-Video mit euch teilen, auf das ich mehr als stolz bin (tausend Dank an dieser Stelle an Amazon und Leo Dorian Stiebling für dieses mega tolle Video), sondern euch auch einen kleinen Einblick in das Buch geben, das das alles möglich gemacht hat. Wer „Hässliches Entlein war gestern“ bisher noch nicht gelesen hat, kann hier nun die ersten Seiten lesen und sich einen ersten Eindruck von meinem ‚Lebenswerk‘ 😉 verschaffen. Wer dann immer noch nicht genug hat, kann sich mein Buch exklusiv bei Amazon als Taschenbuch oder Ebook besorgen. Viel Spaß mit dem Video und/oder beim Lesen. Ich freue mich riesig auf euer Feedback und natürlich über jede einzelne Kundenrezension auf Amazon (und ihr wisst ja, was sich reimt, ist immer gut).

Eure KeRa <3

Textauszug

Prolog

Ich bin 29, zwischen 1,85m und 1,87m, verheiratet und teilzeitglücklich. Und das ist keine Biografie. Das ist der zweite Anlauf der Aufarbeitung meiner Krankheitsgeschichte. Hätte ich das Buch vor zwei Jahren gleich beim ersten Anlauf zu einem Ende gebracht, dann wäre diese Geschichte eine andere gewesen. Es wäre die Geschichte eines Plus-Size-Models, das dem Schlankheitswahn der Modeindustrie den Kampf angesagt hat und nun die Welt versucht davon zu überzeugen, dass Frauen mit Kurven genauso schön sind wie die schlanken Models, mit denen sonst Unterwäsche oder Makeup verkauft wird.
Hättest du das Buch vor zwei Jahren gelesen, dann hätte ich dir erzählt, dass ich wieder auf derselben kalten Marmorbank sitze. Wieder durch die Hochglanzmagazine auf demselben Tisch vor mir blättere. Wieder darauf warte, dass man mich in dasselbe Büro bringt und doch eine andere Person bin: elf Jahre älter, elf Jahre erfahrener. Das erste Mal als ich die Villa in München betreten habe, hatte ich keine Ahnung von dieser Welt. Ich war ein junges, zutiefst verunsichertes Mädchen, das hoffte, hier die Anerkennung, die Bewunderung zu finden, an der es ihm in der normalen Welt fehlte. Ich war immer deutlich größer als die anderen Mädchen und Jungen in meinem Alter. Ich war deutlich größer als die meisten Erwachsenen. Irgendwie hielten viele Menschen mein Gesicht für hübsch; dieses Gesicht, das mir jeden Morgen aus dem Spiegel entgegenblickte und das ich selbst alles andere als schön fand. Aber hier in dieser Modelagentur lag ein Versprechen in der Luft, das Versprechen, dass ich mit meiner Andersartigkeit endlich irgendwo ankommen, endlich das große Glück finden könne. Doch dieses Versprechen wurde nie erfüllt; nicht mit fünfzehn und nicht mit Ende 26.
Nur wusste ich das vor zwei Jahren noch nicht. Aber heute ist nicht vor zwei Jahren, sondern jetzt. Und genau deshalb ist dieses Buch nicht die Geschichte eines aufstrebenden Plus-Size-Models auf der Suche nach Anerkennung, sondern die Geschichte einer jungen Frau, die ihre Essstörung überwunden, das Model-Business mit all seiner Oberflächlichkeit und Falschheit hinter sich gelassen und sich dafür entschieden hat, sein Glück in der Selbstliebe zu finden. Auch, wenn ich heute weder das 26jährige Model noch das 15jährige Mädchen bin, bleiben beide ein Teil von mir, ein Teil meiner Geschichte, die in dieser Münchner Villa begonnen hat.
 

15

Ich saß also mit fünfzehn zum ersten Mal in einer der besten Modelagenturen Deutschlands und wusste es nicht mal. Ich hatte eh nicht so richtig viel Ahnung davon, was Models eigentlich tun. Germany’s Next Topmodel gab es zu der Zeit noch nicht. Klar kannte ich Models aus Zeitschriften und dachte mir, dass die wohl irgendwie vor der Kamera stehen, aber wirklich viele Gedanken hatte ich mir darum nie gemacht. Also saß ich ahnungslos einer Scouterin gegenüber, die meiner Mutter und mir davon erzählte, wie sie mich im nächsten Sommer, wenn ich 16 sei, nach München holen würde, um Bilder zu machen und Kunden zu treffen.
Kennengelernt hatte ich die Modelagentin kurze Zeit zuvor bei dem Talentworkshop einer deutschen Mädchenzeitschrift in München, wo ich dann auch meine ersten Laufstegerfahrungen machen sollte. Alle anderen Mädchen dort waren irgendwie deutlich dünner als ich und durften die viel schöneren Klamotten tragen. Ich musste nehmen, was in meiner Kleidergröße da war. Trotzdem gab mir die Agentin am Ende des Tages ihre Karte und bat mich, sie anzurufen – nicht die anderen schlankeren Mädchen, sondern mich.
Und was macht man, wenn einem ein Model-Scout eine Karte gibt? Man ruft an, vereinbart einen Termin und überredet Mutti, die noch viel weniger Ahnung von der ganzen Sache hat als man selbst, mit einem nach München zu fahren. Dann sitzt man in einem schicken Büro vor dieser Dame und hört sich an, wie viel Geld man in kurzer Zeit verdienen und in welche Länder man reisen könne. Alles, was man dafür tun müsse, sei abzunehmen, weil man mit einer Kleidergröße 38 bei einer Körpergröße von über 1,80m einfach deutlich zu kräftig sei. Zu kräftig? Echt jetzt? Okay… Aber gut, die hat ja wohl mehr Ahnung als ich und wenn die das will, dann nehme ich halt ab. Ich hatte also ein Jahr Zeit, um abzunehmen.
Ich fuhr mit einem festen Ziel nach Hause. Ich würde Model werden. Ich würde schön und erfolgreich sein und allen in meiner Schule und meinem Umfeld zeigen, was sie einfach nicht zu sehen schienen. Ich würde ihnen zeigen, wie toll ich war. Mit gerade mal 15 Jahren beschloss ich meine erste Diät zu machen, obwohl ich eigentlich einen vollkommen gesunden Körper hatte. Heutzutage ist es nicht mal ungewöhnlich, dass 15jährige Mädchen bereits die ersten Diäten hinter sich haben. Als ich 15 war, stand ich mit meinen Abnehmplänen alleine da. Ich wollte aussehen, wie die jungen Frauen in den Zeitschriften: schlank und schön. Also begann ich, in einem Fitnessstudio zu trainieren, wo ich dann auch meine ersten Trainings- und Ernährungspläne bekam.
Ich sollte drei Mal die Woche ins Studio kommen, um an den Kraft- und Ausdauergeräten zu trainieren. Ich sollte mehr Wasser und weniger Limonade trinken, mehr Obst und Gemüse und weniger Schokolade essen. Da fing für mich schon das erste Problem an. Wasser pur mochte ich so gar nicht und Schokolade fand ich auch viel besser als Obst und Gemüse. Ich war auch nie der Typ Mensch, der ein Stück Schokolade isst, die Tafel wieder einpackt und zurück in den Schrank legt. Wenn ich eine Tafel Schokolade aufmache, dann ist sie danach weg. Wenn man aber Model werden will und nicht den Energieverbrauch einer Kleinstadt hat, kann man nun mal nicht jeden Abend eine ganze Tafel Schokolade essen. Schokolade war für mich somit tabu. Aber nicht nur Schokolade. All die Sachen, die ich bisher gerne gegessen hatte (Pizza, Eis & Chips), waren auf einmal der Feind. Die ‚verbotene Lebensmittel‘-Liste war geboren, der Kampf eröffnet.
 
 

Verbotene Lebensmittel Erlaubte Lebensmittel
Schokolade
Eis
Gummibären
Kuchen & Torten
Kekse
Desserts
Pizza
Chips & Knabberkram
Fast Food
Brot
Pasta
Kartoffeln
Reis
Fettreiche Milchprodukte
Säfte
Limonade
Alkohol
Gemüse
Obst
Fettarmer Fisch
Eier
Fettarme Milchprodukte
Wasser
Ungesüßter Tee
 

 
 
Es war von Anfang an ein Kampf. Ich war zwar kein Bewegungsmuffel, aber eine richtige Sportskanone eben auch nicht. Aber jetzt hieß es nach der Schule in den Bus einsteigen, um ins Fitnessstudio zu fahren und das drei Mal die Woche. Die ersten zwei, drei Wochen war ich super motiviert. Ich hatte ja immerhin auch große Ziele. Ich strampelte mich regelmäßig auf dem Crosstrainer ab, nicht nur drei Mal sondern gleich vier oder fünf Mal die Woche. Eine halbe Stunde sollte laut der Trainerin reichen, um erste Ergebnisse zu sehen. Aber ich dachte, wenn eine halbe Stunde schnell Ergebnisse zeigen würde, würde eine ganze Stunde noch schneller zum Erfolg führen. Ich schwitzte eine Minute um die andere meine Zeit auf der Tretmühle ab und wusste, mit jeder verbrannten Kalorie würde ich meinem Traum ein Stück näherkommen. Jeder der schon einmal versucht hat, Gewicht zu verlieren, weiß, dass die anfängliche Motivation schnell verflogen ist. Entweder man überwindet dann seinen Schweinehund und bleibt weiter am Ball oder aber man macht mal eine klitzekleine Pause oder zwei. Ich gehöre eher zur zweiten Gruppe. Aus hochmotivierten vier Tagen im Fitnessstudio wurden schnell drei oder zwei. Manchmal blieb ich eine Woche auch ganz zu Hause. Ich hatte ja auch noch ein ganzes Jahr Zeit, um abzunehmen. Man muss ja auch nichts überstürzen. Ich konnte einfach weniger essen, dann würde ich meine tägliche Kalorienanzahl auch nicht überschreiten.
Nachdem ich auf dem Stepper gestanden und gesehen hatte, wie lange ich trainieren musste, um fünfhundertsechzig Kalorien zu verbrennen, also eine Tafel Rittersport Nugat, begann ich ganz genau zu überlegen, was ich aß und wie viele Kalorien etwas hatte. Kalorientabellen wurden meine neuen besten Freunde. Ich führte genau Protokoll darüber, was ich aß. Notierte mir die Kalorien, um ja nicht zu viel zu mir zu nehmen. Konnte ich mich zum Training nicht motivieren, aß ich weniger. Und ich wurde dafür belohnt. Die ersten Kilos schmolzen, mein Bauch wurde fester, meine Taille schmaler. Ich war auf einem guten Weg. Wenn da nur nicht immer dieses starke Verlangen nach Schokolade und Eis und Chips und Pizza gewesen wäre. Ich konnte an nichts anderes mehr denken als an den Geschmack von geschmolzenem Käse auf einem großen Stück Pizza Margherita. Plötzlich schien um mich herum niemand mehr etwas anderes zu essen als Pizza. Nur ich, ich durfte nicht. Aber ich blieb standhaft – am Anfang zumindest.
Dann überkam mich der Hunger. Wer wird auch schon richtig satt von grünem Salat? Also ich schon mal nicht. Wie ein Zombie auf Fleischentzug bin ich zum nächsten Supermarkt gelaufen und habe mir eine Tiefkühlpizza geholt. Dass ich sie vorher noch in den Ofen geschoben habe, grenzt fast schon an ein Wunder. Nur halbgegart stopfte ich die Pizza in mich rein. Obwohl Tiefkühlpizza nicht unbedingt den Ruf hat, qualitativ hochwertig zu sein, war das in dem Augenblick für mich die beste Pizza der Welt. Die Pizza war weg, der Hunger so halbwegs, aber der Appetit noch lange nicht. Also noch mal schnell in den Supermarkt, um eine zweite Pizza zu holen. Der gab ich dann wenigstens genug Zeit, um zu backen. Eine halbe Stunde später lag ich allein auf meinem Bett, der Bauch zum Platzen gespannt mit furchtbaren Magenschmerzen und Selbstzweifeln so groß wie ein Nilpferd. So ein Kram. Was war das denn? 1600 Kalorien einfach mal kurz zwischendurch!? So wirst du kein Model!!! Abgesehen von der Übelkeit fühlte ich mich wie der letzte Versager, fett und hässlich. All die Anstrengungen der letzten Wochen waren umsonst gewesen. Ich hatte Alles kaputt gemacht. Was also tun? – Einfach am nächsten Tag noch strenger Diät halten, ein paar Kalorien einsparen und zwei Stunden statt einer auf den Crosstrainer gehen, dann würde schon keiner merken, dass ich gerade zwei Pizzen gegessen hatte. Damit meine Eltern nichts davon mitbekamen und irgendwelche komische Fragen stellen konnten, wenn sie abends nach Hause kommen würden, warf ich die Pizzakartons und die Folien direkt unten in den Gemeinschaftsmüll vor dem Haus.
Am Tag darauf war ich dann drei statt eineinhalb Stunden im Fitnessstudio, um dieses ganze Fett, das ich am Tag zuvor in mich hineingestopft hatte, wieder loszuwerden. In die Schule nahm ich nur Reiswaffeln und Gemüsesticks mit…

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